Unter Ruder und Segel

Unter Ruder und Segel

Band I · Unter Ruder

Fahrten auf Flüssen, Seen und Kanälen aus der Berliner Wochenschrift Wassersport, 1883–1895

Ausgewählt und herausgegeben von L. Dudakov

Sprache
Deutsch
Seiten
304
Format
6 × 9 Zoll
Taschenbuch · E-Book

Wasserwanderungen im neunzehnten Jahrhundert

In den achtziger und neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts schickten die Leser der Berliner Wochenschrift Wassersport die Fahrtenbücher ihrer Ferien auf dem Wasser ein. Schüler ruderten die Oder hinab, zwei Kanuten paddelten bis nach Wien, Ruderer zelteten am Ufer, und eine Familie fuhr in drei Kanus die Weser hinunter.

Dieser Band vereint siebzehn solcher Berichte: Fahrten im Ruderboot und Kanu auf Donau, Rhein, Mosel, Neckar, Elbe und den Gewässern des Spreewalds — erzählt von denen, die sie unternommen haben, mit den Abbildungen aus dem Journal.

Die Originaltexte in behutsam modernisierter Rechtschreibung, mit einer Einführung zu jeder Fahrt.

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Blick ins Buch

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Vorwort

Von 1883 bis 1895 druckte die Berliner Wochenschrift Wassersport jede Woche Regattaergebnisse, Vereinsnachrichten und Streitfragen über Regeln. Und jeden Sommer und Herbst druckte sie zwischen alledem die Briefe und Aufsätze von Lesern, die einfach mit einem Boot irgendwohin gefahren waren. Ein Gymnasiallehrer fuhr mit seinen Schülern im Achter die Oder hinab. Ein Student paddelte von der Donauquelle heim nach Berlin. Kaufleute und Ingenieure fuhren im Urlaub mit ihren Rennbooten an die Ostsee. Ein Arzt fuhr mit seiner Frau und einem schwergewichtigen Freund in drei gebrauchten englischen Canoes die Weser hinab. Diese Berichte schrieben Liebhaber für Liebhaber, meist ein paar Wochen nach der Heimkehr. Es sind die persönlichsten Seiten, die das Journal je gedruckt hat, und dieses Buch sammelt sie.

Der erste Band enthält die Fahrten mit Riemen und Paddel – auf den Flüssen, Seen und Kanälen Deutschlands und in zwei Fällen jenseits seiner Grenzen. Der zweite Band, Unter Segel, enthält die Fahrten unter Segel und auf See. Die Kapitel folgen der Reihenfolge der Fahrten selbst, von 1881 bis 1893. Darauf folgen zwei Berichte aus dem Ausland, und den Schluss bildet die längste und jüngste Fahrt von allen: ein Schülerachter, der 1895 zwei preußische Provinzen umrudert. Wo mehrere kurze Berichte ein Ganzes bilden – der Spreewald, der Rhein, eine Berliner Saison –, sind sie zu einem Kapitel zusammengefasst.

Die Auswahl war streng. Aufgenommen sind nur Berichte, in denen wirklich etwas geschieht und die es gut erzählen. Gedruckt wurde weit mehr: Listen von Stationen und Zeiten, höfliche Danksagungen an gastfreie Vereine, Übersetzungen aus englischen Blättern. Die ausgewählten Texte sind vollständig wiedergegeben, bis auf wenige Abschweifungen. Das sind meist Tage an Land: eine Wanderung durch die Eifel, Besichtigungen und Gastlichkeit in den Städten am Weg, eine Touristenfahrt zum Nordkap. Jede solche Auslassung ist an ihrer Stelle durch eine Anmerkung in eckigen Klammern bezeichnet. Einige Aufsätze sind nie beendet worden oder in den erhaltenen Exemplaren des Journals nur zum Teil überliefert. Wo ein Heft fehlt, sagt das Kapitel es; nichts ist hinzugedichtet.

Die Verfasser waren Ruderer und Canoeisten, keine Schriftsteller, und ihr Deutsch ist oft eilig, zuweilen nachlässig. Ich habe ihren Ton, ihre Scherze und ihre Namen für Orte und Boote beibehalten und nur die Rechtschreibung der heutigen angeglichen, damit man nicht über „That“, „giebt“ und „Uebung“ stolpert. Wo der Text einer Seite nicht mit Sicherheit zu lesen war, ist er mit dem Bild der Seite verglichen, und wo ein Verfasser sich in einer Tatsache offenbar irrte, ist dies in einer Anmerkung gesagt. Die Orte, die sie beschreiben, haben sich größtenteils bis zur Unkenntlichkeit verändert: Die Flüsse sind kanalisiert, die Wehre umgebaut, Fähren und Wirtshäuser verschwunden. Unverändert ist, was man auf diesen Seiten erlebt: der nasse Sitz, der Gegenwind auf der langen Strecke, die unerwartete Freundlichkeit an einem fremden Steg und die Lichter einer Stadt, die im Dunkeln auftauchen.

— L. Dudakov

Leseprobe

Die ersten Seiten eines Kapitels.

KAPITEL EINS

Schüler auf der Oder

Im Achtriemer von Ohlau nach Stettin und an die See, 1881 — Wassersport, 1883

Im Sommer 1881 fuhr ein Gymnasiallehrer aus dem kleinen schlesischen Städtchen Ohlau mit zehn seiner älteren Schüler, darunter sein eigener Sohn, in einer achtriemigen Gig die Oder hinab nach Stettin, rund 450 Kilometer Strom, und dann hinaus auf die Ostsee. Das Rudern war an deutschen Schulen kaum bekannt; von allen Seiten warnte man die Eltern, die Jungen würden nach ein paar Tagen zusammenbrechen und mit der Bahn heimkommen. Sie taten es nicht. Dr. C. Lampe beschrieb die Fahrt für die Schlesische Zeitung und zwei Jahre später ausführlicher für den Wassersport, in der Hoffnung, andere Schulleiter dazu zu bewegen, ihre Jungen auf die Flüsse zu lassen.

Sein Bericht ist die älteste lange Flussfahrt im Journal und gibt den Ton für viele spätere an: Boot, Ausrüstung und Proviant sorgfältig beschrieben, eine strenge kleine Disziplin an Bord und die Freude des Lehrers an den Städten, Schlachtfeldern und Dichtern am Weg. Eine zweite Ohlauer Fahrt über dasselbe Wasser, drei Jahre später, folgt im nächsten Kapitel. Die Zwischenüberschriften sind von uns. — L. Dudakov

I. Der Gymnasial-Ruderverein zu Ohlau

Die nachfolgende Beschreibung einer Stromfahrt durch Mittel- und Niederschlesien, durch Brandenburg und Pommern glaubte ich dem Leserkreise des Wassersport in dem Vertrauen vorlegen zu können, dass es hier nicht an tatkräftigen Männern fehlen werde, welchen der Gedanke, der reiferen Jugend unserer höheren Lehranstalten den Rudersport zugänglich zu machen, der Beachtung und Verwirklichung wert erscheinen dürfte. Wenn irgendwo, so musste ich unter den Freunden des deutschen Rudersports Bundesgenossen für die Verbreitung desselben an unseren Gymnasien und Realschulen zu finden hoffen. Dabei dachte ich besonders an diejenigen Herren, welche als Mitglieder staatlicher oder städtischer Behörden in irgendwelcher Beziehung zu unserem Erziehungswesen stehen. Sollte die Darstellung meiner Stromreise den Wunsch anregen, solche Unternehmungen an unseren höheren Schulen recht häufig werden zu sehen, so hat dieselbe ihren wesentlichen Zweck erreicht.

Im Frühjahr 1880 gründete ich einen Ruderverein für die oberen Klassen unseres Gymnasiums, der nach kurzer Zeit über 30 Mitglieder zählte und bald ein reges Leben auf der nahen Oder gewahr werden ließ. Zur Übung der Schwimmkunst trat die neue, noch ungewohnte Erscheinung des Rudersports. Nach einer Vierriems-Gig, die wir Wega nannten, ließen wir noch einen stattlichen Achtriemer bauen, dem wir die drei Sterne aus dem Gürtel des Orion in die Flagge und den Namen dieses schönen Sternbildes an den Bug setzten. Das wurde später vom klassischen Aberglauben der Oberprimaner missbilligt, denn selten fehlte es auf einer größeren Fahrt, sobald sich der Orion beteiligte, an Sturm und Ungewitter, den Werken des alten nimbosus Orion. Zu den beiden Gigs kam gegen Ende des Sommers noch ein zweiriemiges Auslegerboot, der Blitz, ein Geschenk des Primaners Kohlisch, der als Einjähriger bei den Ulanen eintrat. Im Privatbesitz von Mitgliedern waren acht Grönländer. Das erste Exemplar dieser Bootsart brachte V. Szarbinowski, jetzt Leutnant im 64. Infanterie-Regiment Prinz Friedrich Carl, hierher. Er mochte sich schon als Knabe darin auf der Breslauer Oder getummelt haben, so dass es mir fern lag zu glauben, ich könne in meinem Alter und bei einem Gewicht von 174 Pfund in einem so kleinen Boote noch sicher fahren lernen; aber es gelang über Erwarten, so dass ich nicht bereue, mir ein solches haben bauen zu lassen.

Als das Hochwasser des Jahres 1880 herabkam, verbreitete sich in der Stadt das Gerücht: „Nun wäre vom Ruderverein schon einer ertrunken!“ Manche überlegene Weisheit vernahm dies mit jener Genugtuung, welche das Bewusstsein, ein Unglück sicher und bestimmt vorausgesehen zu haben, nur immer einflößen kann. Tatsache aber war, dass wir ein Menschenleben gerettet hatten! Ein junger Apotheker hatte sich nämlich vermessen, über die hochgehende Oder zu schwimmen. In der Mitte des Stromes verließen ihn die Kräfte; auch mochte dem sonst mutigen und gewandten Turner jener Zustand fremd sein, in welchen der nahe Anblick einer breiten und schnell vorüberwogenden Wassermasse versetzt und der sich vielleicht als horizontaler Schwindel bezeichnen lässt. Auf den Hilferuf des gefährdeten Schwimmers eilte unsere gerade von einer Übungsfahrt zurückkehrende Wega herbei und brachte denselben ans Land. Später, als unser Wagehals seinen früheren Humor wiedergefunden hatte, erfreute er mich durch die kecke Gasconnade, dass die Wega nicht ihn, sondern er die Wega gerettet habe.

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Inhalt

  1. Vorwort