Vorwort
In den achtziger Jahren war der Segelsport in Deutschland noch jung. Die Rudervereine zählten ihre Mitglieder nach Tausenden; die Yachteigner an Ostsee und Nordsee konnte man mit Namen aufzählen, und viele von ihnen kannten einander. Wenn einer von ihnen ein Boot aus England holte oder einen Vereinskutter die pommersche Küste entlang zu einer Regatta führte, ging der Bericht darüber an den Wassersport, die Berliner Wochenschrift, die beiden Sportarten diente. Diese Berichte wurden für Leser geschrieben, die im nächsten Sommer dasselbe tun konnten. Darum sind sie voller Peilungen, Barometerstände, Preise und Warnungen, und voller Freuden, um derentwillen sich die Mühe lohnte. Dieser Band sammelt sie.
Der erste Band, Unter Ruder, enthielt die Fahrten mit Riemen und Paddel auf den Binnengewässern. Der zweite Band enthält die Fahrten unter Segel. Die meisten führen auf See, auf Ostsee und Nordsee; eine ist ein Winter an der Riviera, eine eine Überführung von Southampton nach Kiel im Herbst. Das Buch folgt dem Journal ungefähr in der Reihenfolge, in der die Fahrten gemacht wurden, von 1878 bis 1895. Zwei Logbücher zeigen, wie eine Hamburger und eine Berliner Yacht zur Kieler Regatta gelangten, bevor der Kanal zwischen Nordsee und Ostsee gegraben war. Ein Kapitel ist ein einziger Oktobertag in einem offenen Boot vor Danzig, der sich bis tief in die Nacht hinzog. Die Studenten des Akademischen Segler-Vereins erscheinen zweimal mit ihrem alten Kutter Matador, 1886 und 1892. Zwei Berichte aus dem Jahrbuch des Marine-Regatta-Vereins bringen den neuen Meteor des Kaisers und die Irène des Prinzen Heinrich 1891 vom Clyde nach Kiel, und in denselben Wochen führt ein bretonischer Yachtsegler mit einem einzigen Fischer einen Dreitonner-Rennkutter von Belfast nach Roscoff. Das Buch endet im Sommer 1894, als mehr Yachten auf See waren als je zuvor. Ein Watson-Sechstonner wird von Hamburg nach Kiel überführt und segelt in Swinemünde und Malmö. Eine flache Berliner Yacht geht zur Kieler Woche. Ruderer aus Halle fahren in einem kleinen Schwertboot Saale und Elbe hinab zu den Havelseen. Ein Weserkutter tastet sich zwischen den ostfriesischen Inseln nach Hamburg. Und ein als Kutter getakeltes Marineboot läuft aus Wilhelmshaven aus.
Die Regeln der Auswahl sind dieselben wie im ersten Band. Aufgenommen sind nur abgeschlossene Berichte, in denen etwas geschieht. Regattaberichte, Vereinsnachrichten, Fahrtpläne, über die nie berichtet wurde, und Aufsätze, die vor dem Ende abbrechen, sind beiseitegelassen, so vielversprechend sie auch sein mochten. Die Texte sind vollständig wiedergegeben, bis auf wenige Abschweifungen – meist Listen von Ankerplätzen und ein Stück Fahrt, das im vorigen Kapitel schon von einem anderen Boot aus erzählt ist. Jede solche Auslassung ist an ihrer Stelle durch eine Anmerkung in eckigen Klammern bezeichnet.
Die Verfasser waren Seeleute, keine Schriftsteller: ein Berufsseemann, ein französischer Yachtsegler, Marineoffiziere, ein Mitglied eines Weservereins, Mitglieder eines Königsberger Vereins, Berliner Studenten, die mit Spitznamen zeichneten. Mit Daten gingen sie oft sorglos um, ein- oder zweimal auch mit dem Namen des Monats. Jede wesentliche Zahl ist mit dem Bild der Journalseite verglichen, denn ein maschinell gelesener Scan macht aus einer 3 so leicht eine 8, wie eine Welle ein Boot umwirft. Wo das Original offenbar irrt, ist der Text belassen, wie er gedruckt ist, und eine Fußnote sagt es. Ihre Karten und Feuer sind längst ersetzt, die Häfen umgebaut, die Yachten abgewrackt. Was bleibt, ist das Gefühl, das diese Seiten bewahren: das zu spät eingebundene Reff, die Nacht vor Anker beim Klang der Kette und der erste Blick auf ein Leuchtfeuer genau dort, wo es nach dem Besteck stehen sollte.
— L. Dudakov




