Unter Ruder und Segel

Unter Ruder und Segel

Band II · Unter Segel

Fahrten auf See und unter Segel aus der Berliner Wochenschrift Wassersport, 1883–1895

Ausgewählt und herausgegeben von L. Dudakov

Sprache
Deutsch
Seiten
327
Format
6 × 9 Zoll
Taschenbuch · E-Book

Kutter und Yachten auf Ostsee und Nordsee

Der zweite Band folgt den Lesern des Wassersport hinaus auf See. Berliner Studenten überführen ihren eben gekauften Kutter von Bremen nach Hamburg, ein Königsberger Club segelt nach Bornholm, ein deutscher Yachtsegler überwintert an der Riviera, und des Kaisers Meteor kehrt vom Clyde heim.

Sechzehn Fahrtenberichte von Ostsee, Nordsee und darüber hinaus: Stürme vor Hela, Nächte im Wattenmeer, Regatten der Kieler Woche und ein Drei-Tonner, der über den Kanal in die Bretagne segelt — mit den Holzstichen des Journals.

Die Originaltexte in behutsam modernisierter Rechtschreibung, mit einer Einführung zu jeder Fahrt.

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Blick ins Buch

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Vorwort

In den achtziger Jahren war der Segelsport in Deutschland noch jung. Die Rudervereine zählten ihre Mitglieder nach Tausenden; die Yachteigner an Ostsee und Nordsee konnte man mit Namen aufzählen, und viele von ihnen kannten einander. Wenn einer von ihnen ein Boot aus England holte oder einen Vereinskutter die pommersche Küste entlang zu einer Regatta führte, ging der Bericht darüber an den Wassersport, die Berliner Wochenschrift, die beiden Sportarten diente. Diese Berichte wurden für Leser geschrieben, die im nächsten Sommer dasselbe tun konnten. Darum sind sie voller Peilungen, Barometerstände, Preise und Warnungen, und voller Freuden, um derentwillen sich die Mühe lohnte. Dieser Band sammelt sie.

Der erste Band, Unter Ruder, enthielt die Fahrten mit Riemen und Paddel auf den Binnengewässern. Der zweite Band enthält die Fahrten unter Segel. Die meisten führen auf See, auf Ostsee und Nordsee; eine ist ein Winter an der Riviera, eine eine Überführung von Southampton nach Kiel im Herbst. Das Buch folgt dem Journal ungefähr in der Reihenfolge, in der die Fahrten gemacht wurden, von 1878 bis 1895. Zwei Logbücher zeigen, wie eine Hamburger und eine Berliner Yacht zur Kieler Regatta gelangten, bevor der Kanal zwischen Nordsee und Ostsee gegraben war. Ein Kapitel ist ein einziger Oktobertag in einem offenen Boot vor Danzig, der sich bis tief in die Nacht hinzog. Die Studenten des Akademischen Segler-Vereins erscheinen zweimal mit ihrem alten Kutter Matador, 1886 und 1892. Zwei Berichte aus dem Jahrbuch des Marine-Regatta-Vereins bringen den neuen Meteor des Kaisers und die Irène des Prinzen Heinrich 1891 vom Clyde nach Kiel, und in denselben Wochen führt ein bretonischer Yachtsegler mit einem einzigen Fischer einen Dreitonner-Rennkutter von Belfast nach Roscoff. Das Buch endet im Sommer 1894, als mehr Yachten auf See waren als je zuvor. Ein Watson-Sechstonner wird von Hamburg nach Kiel überführt und segelt in Swinemünde und Malmö. Eine flache Berliner Yacht geht zur Kieler Woche. Ruderer aus Halle fahren in einem kleinen Schwertboot Saale und Elbe hinab zu den Havelseen. Ein Weserkutter tastet sich zwischen den ostfriesischen Inseln nach Hamburg. Und ein als Kutter getakeltes Marineboot läuft aus Wilhelmshaven aus.

Die Regeln der Auswahl sind dieselben wie im ersten Band. Aufgenommen sind nur abgeschlossene Berichte, in denen etwas geschieht. Regattaberichte, Vereinsnachrichten, Fahrtpläne, über die nie berichtet wurde, und Aufsätze, die vor dem Ende abbrechen, sind beiseitegelassen, so vielversprechend sie auch sein mochten. Die Texte sind vollständig wiedergegeben, bis auf wenige Abschweifungen – meist Listen von Ankerplätzen und ein Stück Fahrt, das im vorigen Kapitel schon von einem anderen Boot aus erzählt ist. Jede solche Auslassung ist an ihrer Stelle durch eine Anmerkung in eckigen Klammern bezeichnet.

Die Verfasser waren Seeleute, keine Schriftsteller: ein Berufsseemann, ein französischer Yachtsegler, Marineoffiziere, ein Mitglied eines Weservereins, Mitglieder eines Königsberger Vereins, Berliner Studenten, die mit Spitznamen zeichneten. Mit Daten gingen sie oft sorglos um, ein- oder zweimal auch mit dem Namen des Monats. Jede wesentliche Zahl ist mit dem Bild der Journalseite verglichen, denn ein maschinell gelesener Scan macht aus einer 3 so leicht eine 8, wie eine Welle ein Boot umwirft. Wo das Original offenbar irrt, ist der Text belassen, wie er gedruckt ist, und eine Fußnote sagt es. Ihre Karten und Feuer sind längst ersetzt, die Häfen umgebaut, die Yachten abgewrackt. Was bleibt, ist das Gefühl, das diese Seiten bewahren: das zu spät eingebundene Reff, die Nacht vor Anker beim Klang der Kette und der erste Blick auf ein Leuchtfeuer genau dort, wo es nach dem Besteck stehen sollte.

— L. Dudakov

Leseprobe

Die ersten Seiten eines Kapitels.

KAPITEL EINS

Von Vegesack hinaus

Die Flying Cloud nach Kiel und zurück, und der Kutter Tell vor Helgoland — Wassersport, 1883

Vegesack an der Unterweser, unterhalb Bremens, war eine Stadt der Schiffbauer und Lotsen, und sein Regatta-Verein war einer der wenigen in Deutschland, dessen Mitglieder mit ihren Booten zum Vergnügen in See gingen. In den ersten Nummern des Wassersport, im Januar und Februar 1883, beschrieb einer von ihnen, Otto Krudewolf, zwei dieser jährlichen Seefahrten. Beide wurden mit demselben Lotsen gesegelt, J. D. Luth aus Geestemünde, einem beleibten Mann, der Wasser als Getränk nicht ausstehen konnte.

Der erste Bericht ist ein Schiffstagebuch, geführt in einem acht Meter langen, hinten offenen Boot, getakelt wie ein französischer Logger: von der Weser über die Elbmündung, die Eider hinauf und durch den alten Eiderkanal nach Kiel und über Helgoland zurück. Der zweite beschreibt eine Fahrt mit dem Kutter Tell im August 1882. Seine Fahrgäste gingen bei aufkommendem Sturm in Helgoland zur Nacht an Land und fanden am Morgen ihr Schiff verschwunden. Was ihm inzwischen widerfahren war, erzählte nachher der Lotse, und Krudewolf gibt es mit dessen Worten wieder. Der Ton der beiden Berichte könnte verschiedener kaum sein; zusammen zeigen sie die ganze Spannweite des Nordsee-Segelns in den Jahren vor dem Kaiser-Wilhelm-Kanal. Windstärken sind, wie in den Originalen, nach der zwölfteiligen Skala der Seefahrt angegeben. — L. Dudakov

Die Reise der Flying Cloud

Die „Flying Cloud“ wurde im Sommer 1882 von uns erwählt, um in derselben eine Reise von Vegesack nach Kiel zu unternehmen. „Flying Cloud“ ist ein Boot von 8 m Länge und 2,30 m Breite, führt nur ca. 3 Ctr. Ballast und hat einen Tiefgang einschließlich des Kiels von ca. 50 cm; vorn ist dasselbe gedeckt, mittschiffs mit einer, soweit der Raum es gestattet, bequemen Kajüte versehen, hinten dagegen wie ein gewöhnliches Boot ganz offen, selbst ohne Wasserbord. Es ist ein guter Segler, sehr bequem und leicht zu hantieren, und, was die Hauptsache ist, seetüchtig.

Die Bauart und Takelung gleicht der eines französischen Loggers, wie solche in Bremerhaven von sämtlichen Schiffsmaklern und Schiffslieferanten benutzt werden, um in denselben nach der Wesermündung zu segeln und die dort ankommenden und nach Bremen bestimmten Seeschiffe für ihr Geschäft zu „kapern“, weshalb sie hier die Benennung „Kaperboote“ führen. Die Besatzung bestand bei Antritt der Reise aus dem Eigentümer, Herrn James B. Boyes in Farge, dem Schreiber dieses, dem Lotsen J. D. Luth aus Geestemünde und einem Schiffsjungen.

Die Reise, obwohl nicht immer von gutem Wetter begünstigt, verlief ohne jeglichen Unfall und ohne Abenteuer von allgemeinem Interesse. Ich will mich daher darauf beschränken, hier nur einen Auszug aus unserem Schiffstagebuch wiederzugeben.

Donnerstag, 1. Juli. Morgens. Schiff fahrbereit. 11 Uhr vormittags alle Mann an Bord. Setzten sämtliche Segel und verließen unter donnerndem Hurra und tausend Glückwünschen für die Reise seitens unserer Freunde den Ankerplatz. Wind WNW, 4, etwas Regen. Barometer steigend. Passierten um 1 Uhr nachmittags Brake, um 2 Uhr 20 nachmittags Nordenhamm. Um 3 Uhr 15 nachmittags erreichten Bremerhaven und legten das Boot in die Geeste.

Freitag, 2. Juli. Segelten 9 Uhr morgens aus der Geeste. Wind SW, 4, bewölkt. Barometer steigend. Um 10 Uhr Wind nach NNW umlaufend, kreuzten durch das Dwarsgat und ankerten beim Weser-Leuchtturm um 1 Uhr nachmittags.

Sonnabend, 3. Juli. 5 Uhr morgens. Wind Süd, 3, heiter, Flut. Segelten nach See, passierten Leuchtschiff „Bremen“ 6½ Uhr, steuerten dann N ½ O, passierten Doppeltonne D 8 Uhr morgens, SO z. S peilend in 2 Kabellängen Distanz. Um 9 Uhr morgens fingen mittelst der Makrelenangel verschiedene Fische, welche uns gebraten als Mittagsmahl dienten. Um 9 Uhr 45 passierten Western-Till-Tonne. Wind SSO, 3, prachtvolles Wetter. Seegang etwas bewegt. Kurs NO. Um 11½ Uhr vormittags peilten die Anselungstonne des Süder Piep SO z. O, 2 Seemeilen Entfernung. Steuerten jetzt NO z. O. Um 12 Uhr beim Mittagessen bekamen Helgoland in Sicht. Peilung NW z. W, Wassertiefe 15 Meter. Um 2 Uhr nachmittags erkannten das Eider-Leuchtschiff, NO z. O peilend, 5 Seemeilen entfernt; dann trat totale Windstille ein, welche Gelegenheit wir benutzten, um ein ebenso erfrischendes wie interessantes Bad in den herrlich blauen Wogen der Nordsee zu nehmen. 4 Uhr nachmittags Wind OSO, 2. Da unser Kurs jetzt Ost war, mussten kreuzen. Um 6 Uhr nachmittags peilten das Eider-Leuchtschiff WNW ½ W, die Anselungstonne der Eider O ½ S auf 10 Meter Wassertiefe. Um 7 Uhr passierten wir die letztere. Wind SO z. O, 4. 8½ Uhr erreichten die Eider-Lotsengaliote, und um 10 Uhr ankerten auf 4 Meter Wasser hinter der Fliegen-Plate in der Eider.

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Inhalt

  1. Vorwort